Der Mann, der aus den Quadraten fiel

Dieser Roman ist all denen gewidmet, die noch „im Verborgenen schreiben“; ich gehörte selbst einmal dazu und weiß, wie das ist. Ein Denkmal des unbekannten Schriftstellers wollte ich aber nicht errichten, wenn es am Ende auch so ausschauen mag. Jeder Leser soll sich daraus ableiten, was er will. Etwas anderes fiel mir nachträglich auf: Zeitversetzt um 20 Jahre habe ich meinen Pierrot-Roman noch mal geschrieben, statt München 1967 nun Mannheim 1987 als Kulisse, auch eine M-Stadt, wenn auch eine etwas kleinere Metropole. Jedoch nicht nur das, die Voraussetzungen sind anders: der Münchner Pierrot war ein Aussteiger, inspiriert von dem Film „Pierrot le fou“ von Jean-Luc Godard, der 1965 unter dem Titel „Elf Uhr nachts“ in die deutschen Kinos kam. Mein grundsätzlicher Denkfehler damals war: Ich – und damit auch meine Roman-Figur – konnte gar nicht aus der Gesellschaft aussteigen, weil ich noch nicht darin angekommen war. Ich war nur eine Randexistenz. Wie soll einer, der nicht drin ist, aussteigen? Er wird nicht beachtet werden, es interessiert niemand, er kann nur Aufsehen erregen, indem er dummes Zeug macht, was zwar „Konventionen sprengt“, wie Pierrot es sich selbst vulgär-philosophisch einredet, aber letztlich verpufft das alles. Irgendwann wird ihn die nicht gerade feinfühlige Münchner Polizei wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses  einbuchten oder, noch schlimmer, ins Irrenhaus stecken. Und deshalb scheiterte der Roman gedanklich.

Die Mannheimer Figur Georg Brenneis ist dagegen wirklich ein Aussteiger – aus einer unbefriedigenden Stellung im Großraumbüro. Das wäre noch nichts Besonderes. Doch dieser Mann verbindet damit ein Ziel – er will Schriftsteller werden und benutzt dafür alle Möglichkeiten, Trittbretter, Schlupflöcher, die er ausfindig machen kann. Er betreibt systematisch eine „Irreführung der Behörden“, wie sein Pendant Gregor Bienek in dem Roman von Jurek Becker. Die Handlung trägt Züge eines Schelmenromans. Georg erreicht zwar sein Ziel, alle Verluste verbucht er wie Hans im Glück als unverhofften Gewinn, doch am Ende schließt sich der Kreis. Er braucht einen Verlag, die Gesellschaft, die Realität läßt sich nicht ohne weiteres austricksen.  Obzwar sich seine Spur verliert und er nicht die Aufnahme in der Olymp eines Literaturlexikons erreicht, findet sich auch für ihn eine neue Chance in der großen weiten Welt.

Der Mann, der aus den Quadraten fiel”, Verlag der Villa Fledermaus in der Reihe Rhein-Neckar-Brücke, Saarbrücken 2009, 239 Seiten, 20 €.

“… der beste Bergmann, den es je gab!”
Szyllas Lesezeichen, März 2009

Die Quadratur des Schreibens
Rolf Bergmann hat im Bereich Literatur alle möglichen Jobs ausgeübt und schreibt in seinem jüngstem Buch, was er weiß: über das Schreiben selbst, seine Verführung und seine Gefahren. Endlich ein Buch machen, einen richtigen Roman verfassen, das reizt, auch wenn Verelendung und Verwahrlosung die Folge sein können. Ich übertreibe? Nun ja, Mannheim und die Welt als solche sind eindeutig schreibfeindlich, es zählt das Solide. Zu solide für Georg, ein junger Mann mit einem unlustigen Bürojob in den lebenslustigen 80er Jahren, als der Jungbusch noch anders aussah und der Blütephase von “Contra N” und “Genesis”. Dort verkehrt Georg auch, aber am liebsten sitzt er in der “Goldenen Gans” unter seinesgleichen, die alle ein Buch schreiben wollen, noch lieber zynisch daherreden, schüchtern Gedichte vortragen oder vor allem saufen, ein der Kreativität eher hinderliches Milieu. Doch Georg geht seinen Weg…
(Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg, Nr. 289, 2010)

Was hat Oskar Schlemmers Triadisches Ballett mit seinen konstruktivistischen Figurinen, Jurek Beckers Roman “Irreführung der Behörden”, Edgar Allen Poes und Franz Kafkas Erzählungen mit Mannheim, der Quadratestadt zu tun? Georg Brenneis, Ich-Erzähler und Protagonist in Rolf Bergmanns neuem Roman “Der Mann, der aus den Quadraten fiel”, weiß es und erklärt es….
Rolf Bergmann hat einen amüsanten, lockeren und lesebaren Roman geschrieben – eine feinsinnige ironische Hommage an das Leben in Mannheim vor fünfundzwanzig Jahren mit vielen Anspielungen auf regionale, politische und literarische Geschehnisse, authentische Schauplätze und leicht entschlüsselbaren Akteuren der Quadratestadt Mannheim in den 1980er Jahren, auf deren Bühne ein “komisch-groteskes Ballett” aufgeführt worden ist zum “Wesen von Gefühl und Verstand und soundsoviel weiteren Dualismen” (Oskar Schlemmer).
Wilma Ruth Albrecht, Bad Münstereifel, Online-Beitrag

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Der Mann, der aus den Quadraten fiel

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